Adipositas – eine Krankheit mit vielen Gesichtern
Der Gesellschaft fehlt häufig das Sensorium für die Krankheit

Interview: Flavian Cajacob
Das Adipositaszentrum Limmattal ist schweizweit führend in der Behandlung von Übergewicht. Dr. med. Thomas Köstler, Leiter des Adipositaszentrums, äussert sich im Gespräch zur Schwere des Schwergewichts, zu (falschen) Hoffnungen im Umgang mit Abnehmspritzen und zur Macht eines einzigen Wortes, das Kalorien purzeln lässt.
Fast die Hälfte der Schweizer Bevölkerung ist übergewichtig oder fettleibig. Wie aber steht es generell um die öffentliche Wahrnehmung von Adipositas?
Thomas Köstler: Übergewicht hat sich in den letzten Jahren tatsächlich zu einer Volkskrankheit mit epidemischen Zügen entwickelt. Weltweit sterben heute mehr Menschen an Übergewicht als an Unterernährung. Gleichzeitig fehlt uns als Gesellschaft häufig das Sensorium für den Umgang mit der Krankheit, respektive gehen wir viel zu leichtfertig mit dem Thema um.
Wie meinen Sie das?
Zwei Beispiele: Kürzlich musste ich in einer Apotheke etwas besorgen. Vor mir wurde einer offensichtlich übergewichtigen Kundin eine Abnehmspritze ausgehändigt. Danach kam eine Familie an die Reihe. Als dieses Beratungsgespräch durch war, drückte die Apothekerin den zwei kleinen Kindern ein paar Traubenzucker in die Hand – Süssigkeiten also, wahre Kalorienbomben. Da habe ich mich schon gefragt, wie weit her es selbst bei fachlich geschultem Personal mit der Sensibilität gegenüber den Auslösern und Beschleunigern von Adipositas ist.
Und das zweite Beispiel?
Am Fernsehen habe ich an einem Sonntagabend Ausschnitte eines Schwingfestes gesehen. Einer der Sportler dort wurde in einem schon fast bewundernden Unterton als «imposante Erscheinung» bezeichnet. Der Mann war in Tat und Wahrheit ganz einfach stark übergewichtig, und aus meiner beruflichen Erfahrung kann ich sagen, dass ihm in den nächsten Jahren nicht nur das Sporttreiben immer schwerer fallen wird, sondern seine Gesundheit ganz generell unter dem Übergewicht leiden dürfte.
Inwiefern?
Ein zu hohes Körpergewicht wirkt sich nicht allein auf Gelenke und Atmung negativ aus, sondern kann darüber hinaus zu Bluthochdruck, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkten und Schlaganfällen führen. Ausserdem begünstigt es bestimmte Krebsarten und schlägt sich nicht selten negativ in der Psyche nieder. Die Lebensqualität und die Lebenserwartung werden durch Adipositas deutlich beeinträchtigt.
«Weltweit sterben heute mehr Menschen an Übergewicht als an Unterernährung.»
Wir sprechen von Adipositas und Übergewicht. Wo liegt der Unterschied?
Im Grad des Übergewichts. Letzteres bedeutet, dass das Körpergewicht über dem als gesund geltenden Bereich liegt. Adipositas wiederum ist eine stärkere Form davon und wird als krankhaft starkes Übergewicht eingeordnet. Medizinisch wird dieser Grad über den Body-Mass-Index gemessen, den sogenannten BMI. Bei Übergewicht liegt dieser bei 25 bis 29,9, Adipositas beginnt bei einem BMI von 30. In den letzten Jahren hat insbesondere die Zahl extrem übergewichtiger Patientinnen und Patienten mit einem BMI von über 50 stark zugenommen. Diese Menschen sind sozial stark stigmatisiert, gehen nicht mehr unter Leute, finden keine Kleider, vielleicht auch keinen Job mehr.
Und wie messe ich meinen BMI?
Dafür muss man nicht studiert haben. Das Körpergewicht wird durch die Körpergrösse in Meter im Quadrat geteilt. Ein Mann, der 1,75 Meter gross ist und 85 Kilogramm wiegt, erreicht beispielsweise einen BMI von 27,8. Das deutet auf ein mittleres Übergewicht hin. Wer es nicht so mit dem Kopfrechnen hat, der findet im Internet unzählige BMI-Rechner.
Wo orten Sie die Ursachen für die Zunahme von übergewichtigen Menschen und Adipositas-Patientinnen und -Patienten?
Das ist kein Geheimnis: vor allem bei den Lebensumständen. Wir essen zu kalorienreich, zu stark gezuckert, zu stark verarbeitet; gleichzeitig bewegen wir uns viel zu wenig. Dem Körper wird also weit mehr Energie zugeführt, als er verbraucht. Adipositas entsteht jedoch meistens nicht aus einem einzelnen Grund, sondern durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren.
Und die wären?
Wie erwähnt, spielt einerseits die zu hohe Kalorienzufuhr eine zentrale Rolle, andererseits zu wenig Bewegung. Zusätzlich kommen dann häufig Stress, Schlafmangel oder psychische Belastungen hinzu. Essen, vor allem zu viel essen, nimmt häufig eine kompensatorische Funktion ein – es kann unangenehme Gefühle wie Angst, Scham, Einsamkeit oder Leere kurzfristig dämpfen und dient als Tröster oder Belohnung. In
manchen Fällen tragen zudem bestimmte Krankheiten oder Medikamente zur Gewichtszunahme bei. Auch der individuelle Stoffwechsel spielt eine wichtige Rolle.
Inwiefern?
Man geht heute davon aus, dass genetische Faktoren zu 50 Prozent für die Entstehung von Adipositas verantwortlich sind. Somit hat nicht jede Patientin und jeder Patient dasselbe Risiko, zu erkranken. Aber: Gerade Betroffene mit einem erhöhten genetischen Adipositas-Risiko sollten ihre Ess- und Lebensgewohnheiten entsprechend anpassen.
Wie können diese Anpassungen zum Beispiel aussehen?
Eine hohe Ernährungsqualität oder eine konventionelle Diät können die Gewichtszunahme bei einer vererbten Vorbelastung abschwächen. Hinzu kommt die Möglichkeit einer gezielten medikamentösen Behandlung. Gerade bei Kindern und Jugendlichen, die rasch und zu viel an Gewicht zulegen, sind ärztliche Abklärungen besonders wichtig.
Das Spital Limmattal gilt als schweizweit führendes Zentrum in der Adipositas-Behandlung. Wer sind Ihre Patientinnen und Patienten?
Frauen, Männer, jung und alt, Angehörige sämtlicher Gesellschaftsschichten. Zu uns kommen in der Regel Menschen, die praktisch schon alles probiert haben, um ihr Gewicht zu reduzieren. Viele von ihnen kämpfen nicht nur täglich gegen ihr Gewicht an, sondern auch gegen das nach wie vor weit verbreitete Vorurteil, selbst schuld zu sein am eigenen Schicksal. Ich habe im Verlauf der letzten bald 25 Jahren sicher gegen fünftausend Operationen durchgeführt und weiss, dass all meine Patientinnen und Patienten eines gemeinsam haben: einen unglaublich langen Leidensweg, den sie zurücklegen mussten.
Was erwartet diese Menschen im Zuge der Behandlung?
Ich muss vorausschicken, dass wir im Spital Limmattal keine Schönheitsoperationen durchführen, sondern solche, die medizinisch erforderlich sind. Wir setzen im Rahmen dessen auf eine langfristige und kombinierte Behandlung. Der Schwerpunkt liegt in erster Linie auf einer konservativen Therapie, also auf einer Kombination aus Ernährung, Bewegung, Verhalten und bei Bedarf medikamentöser Unterstützung.
«Adipositas entsteht jedoch meistens nicht aus einem einzelnen Grund, sondern durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren.»
Und wann ist eine Operation angezeigt?
Eine Operation kommt dann in Frage, wenn alle konservativen Massnahmen zu wenig gefruchtet haben oder eine starke Adipositas vorliegt. Im LIMMI kommen verschiedene Operationsverfahren zum Einsatz, beispielsweise verschiedene Magenbypass-Techniken, Magenbänder oder ein Schlauchmagen. Je nach Verfahren wird also die Nahrung am Magen vorbeigeleitet, die Nahrungsaufnahme erschwert oder der Magen verkleinert. Dabei setzen wir auf ein interdisziplinäres Team aus Fachpersonen der Inneren Medizin mit Spezialisierung in der Ernährungsmedizin, der Chirurgie, der Ernährungsberatung, der Psychiatrie, aus speziell ausgebildeten Psychotherapeutinnen, Pflegefachkräften sowie aus Physiotherapeutinnen und -therapeuten. Ein grosses Gewicht liegt zudem auf der Nachbetreuung.
Was ist hierbei die grösste Herausforderung?
Eine Operation kann langfristig nur dann erfolgreich sein, wenn die Patientinnen und Patienten bereit sind, nach einem solchen Eingriff ihr Essverhalten und ihren Lebensstil grundlegend zu ändern. Und zwar nicht einfach für ein paar Tage oder Monate, sondern in der Regel ein Leben lang. Das stellt sie vor grosse Herausforderungen – vor allem an das Verhalten und die Psyche. Die bariatrischen Operationen erzielen nach wie vor die besten Langzeitresultate in der Adipositas-Behandlung.
Seit einigen Jahren gibt es sogenannte «Abnehmspritzen». Sie gelten als wahre Wundermittel. Wie ist Ihre Haltung dazu?
In der Schweiz ist klar geregelt, für wen die Medikamente in Frage kommen. Es braucht einen BMI von mindestens 35 oder einen BMI über 28 gepaart mit zusätzlichen Erkrankungen wie Bluthochdruck, erhöhten Blutfettwerten oder gestörten Blutzuckerwerten. Und klar ist: Ohne begleitende Massnahmen, wie die Umstellung von Lebensstil und Ernährung oder einer Intensivierung von Bewegungseinheiten
zeitigen die Abnehmspritzen nicht das gewünschte Resultat.
«Abnehmspritzen können in meinen Augen bei der Gewichtsreduktion helfen, sie sind aber kein Wundermittel.»
Wie funktionieren die Spritzen überhaupt?
Patientinnen und Patienten setzen sich die Diätspritzen mit dem Hauptwirkstoff Semaglutid einmal wöchentlich. Dieser ahmt körpereigene Sättigungshormone nach, man hat also schneller keinen Appetit mehr
und fühlt sich eher satt. Gleichzeitig verlangsamt er die Magenentleerung und beeinflusst den Blutzucker günstig, weshalb es vielen Menschen leichter fällt, weniger zu essen.
Klingt phänomenal!
Hat allerdings mehr als nur einen Haken …
… nämlich?
Der Wirkstoff Semaglutid wirkt nur so lange, wie er eingenommen wird. Wird die Spritze abgesetzt, kommt es in den allermeisten Fällen gleich wieder zu einer Gewichtszunahme, insbesondere wenn die Lebensumstände im Zuge der Therapie nicht verändert worden sind. Das unterstreichen zahlreiche Studien, die sich absolut mit unseren Beobachtungen aus der Praxis decken. Zudem setzt nach sechs bis zwölf Monaten ein gewisser Gewöhnungseffekt ein und der Gewichtsverlust stagniert.
Man kann Fett also nicht einfach wegspritzen.
Genau so ist es. Die Spritze reduziert zwar das Hungergefühl, Sie führen Ihrem Körper weniger Energie zu, also nehmen Sie ab. Als Gegenreaktion verbrennt der Körper jedoch weniger Kalorien, der Grundumsatz wird automatisch gesenkt. Spätestens wenn Sie die Spritze weglegen, weil Sie Ihr Zielgewicht erreicht haben oder nicht weiter abnehmen können, ist ein Bumerang-Effekt nahezu vorprogrammiert. Entweder, Sie schaffen es tatsächlich, Ihren Lebensstil und Ihre Ernährungsgewohnheiten auf Dauer umzustellen – was ich in diesem Zusammenhang selten erlebt habe – oder Sie greifen ein Leben lang zur Diätspritze. Und hier weise ich mit Nachdruck darauf hin, dass es auf diesem Gebiet keine Langzeitstudien gibt. Wir wissen also nicht, wie sich die Abnehmspritze langfristig auf die Gesundheit auswirkt.
Am besten ist es also, gewichtsmässig gar nie in den «roten Bereich» zu geraten. Einfacher gesagt als getan …
Sie sagen es. Man muss sicherlich unterscheiden, ob man an Adipositas leidet, einer Krankheit, die ein Leben lang medizinischer Betreuung bedarf – ähnlich wie Bluthochdruck oder Diabetes. Oder ob man vielleicht ein paar Pfunde zu viel auf den Rippen hat, weil man es sich gutgehen lässt. Hier kann schon ein bisschen mehr Disziplin Erfolge zeitigen. Eine langjährige Adipositas lässt sich in der Regel allein dadurch nicht behandeln.
Zum Schluss: Haben Sie einen Abnehm-Tipp für den Alltag?
Das Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme gehört zu den stärksten Urbedürfnissen und Trieben des Menschen überhaupt. Wie eingangs erwähnt, gilt es grundsätzlich, täglich nicht mehr Energie zu sich zu nehmen, als verbraucht wird. Und da spielt der Kopf eine wichtige Rolle. Nicht nur beim Kalorienzählen und BMI ausrechnen, sondern eben genauso, wenn es darum geht, wegweisende Entscheide zu fällen. Überlegen Sie einmal: Wie schnell steckt man seinem Kind zum Trost ein Schoggistängeli hin, wie oft schöpft man sich selbst eine Portion, die weit darüber hinausgeht, was den eigentlichen Hunger stillen soll? Wie häufig wird aus lauter Bequemlichkeit das hochverarbeitete Fertiggericht anstelle einer gesunden Nahrung gewählt?
Nicht selten, das weiss ich aus eigener Erfahrung.
Die wichtigsten Mittel, wenn man als Erwachsener sein Gewicht halten oder abnehmen will, sind meiner Ansicht nach das bewusste Essen und viel Bewegung. Bei Kindern sollte man als Eltern durchaus mal energisch Nein sagen! Das gilt besonders mit Blick auf die Ernährung und das Bedürfnis von Kindern und Jugendlichen nach Süssem oder einem Snack. Häufiger und ganz bewusst Nein zu sagen, ist also ein probates Mittel, um Übergewicht bei Kindern vorzubeugen.